So entwickle ich heute Tools ohne Entwickler zu sein

Ich bin kein Entwickler. Das war lange ein Satz, den ich als Einschränkung verstanden habe. Heute ist er fast irrelevant. Seit 2025 arbeite ich mit einer Methode, die sich in der KI-Community unter dem Begriff «Vibe-Coding» etabliert hat. Der Name klingt verspielt, die Konsequenzen für meine Arbeit sind es nicht.

Was ist Vibe-Coding überhaupt?

Die einfachste Erklärung: Du beschreibst, was du bauen willst und ein KI-Modell schreibt den Code dazu. Du liest, du testest, du fragst nach, du iterierst. Du entwickelst nicht klassisch, du navigierst.

Ich nutze dafür Claude. Nicht weil es das einzige Tool ist, sondern weil es für meine Art zu arbeiten am besten passt: Ich denke in Konzepten, in Anforderungen, in Nutzerfragen. Claude übersetzt das in Code, ich übersetze das Ergebnis zurück in Realität.

Was ich damit gebaut habe

Das konkreteste Beispiel: mein Social-Media-Dashboard. Vier Plattformen, vier APIs, eine zentrale Ansicht – gebaut auf meinem eigenen Server, mit Node.js im Backend, Caddy als Reverse Proxy, PostgreSQL als Datenbasis.

Hätte ich das vor zwei Jahren bauen wollen, wäre das ein Freelancer-Projekt geworden. Fünfstellig, wahrscheinlich. Heute: drei Abende, ein paar Iterationen, viel Trial-and-Error und ein Tool, das ich vollständig verstehe, weil ich jeden Schritt selbst begleitet habe.

Das ist der Unterschied zu «KI macht alles für dich». Ich habe nicht einfach einen Prompt hingeworfen und ein fertiges Produkt bekommen. Ich habe mitgedacht, Entscheidungen getroffen, Fehler verstanden (meistens), und das Ergebnis ist meins.

Wo es hakt

Ehrlichkeit ist hier Pflicht: Vibe-Coding ist kein Zaubermittel.

Wenn ich nicht weiss, was ich will, hilft kein Modell der Welt. Die Klarheit über das Problem muss von mir kommen. KI kann keinen schlechten Brief verbessern sie kann keinen schlechten Auftrag verbessern.

Ausserdem: Je komplexer das Projekt, desto mehr muss ich mitdenken. Irgendwann reicht «erkläre mir das» nicht mehr. Ich brauche ein Grundverständnis von dem, was ich baue, sonst navigiere ich blind.

Und: Es gibt Momente, in denen ich feststecke. Nicht weil das Modell versagt, sondern weil ich die falsche Frage stelle. Das Debuggen der eigenen Denkweise ist die eigentliche Kompetenz, die ich aufgebaut habe.

Was das mit Marketing zu tun hat

Ich bin seit 25 Jahren in Marketing und Kommunikation. Meine Stärke war immer: Ich verstehe, was Menschen brauchen, und ich kann das klar formulieren. Das ist exakt die Kompetenz, die Vibe-Coding braucht.

Kein Entwickler-Hintergrund. Aber ein diszipliniertes Briefing. Das reicht überraschend weit.

Für alle, die ähnlich aufgestellt sind, Fachleute mit klarem Domänenwissen, aber ohne klassische Tech-Ausbildung, ist das eine echte Verschiebung. Nicht die grossen Entwicklungsprojekte, die sich damit vollständig ersetzen lassen. Aber die vielen kleinen Tools, die du brauchst, aber nie bauen konntest: Dashboard, Automatisierung, simples CMS, eigene API.

Wie ich heute konkret vorgehe

Kurz und ohne Mystifizierung:

  1. Ich formuliere das Problem schriftlich, bevor ich Claude öffne. Wenn ich es nicht aufschreiben kann, ist es noch nicht klar genug.
  2. Ich starte mit dem kleinsten möglichen funktionierenden Teil, nicht mit der Gesamtvision.
  3. Ich frage nach Erklärungen, nicht nur nach Code. «Was macht dieser Teil, und warum so?» ist genauso wichtig wie das Ergebnis.
  4. Ich dokumentiere, was ich gebaut habe. Für mich, nicht für andere. Sonst verliere ich nach zwei Wochen den Faden.

Kein Hype, ein Werkzeug

Vibe-Coding ist kein Lifestyle. Es ist ein Arbeitsansatz, der für bestimmte Aufgaben und bestimmte Profile sehr gut funktioniert. Für mich funktioniert er.

Wenn dich das Thema interessiert und du selbst anfangen willst: Fang mit etwas Konkretem an. Nicht mit «Ich will eine App bauen». Sondern mit «Ich will diesen einen, nervigen Schritt in meinem Alltag automatisieren». Das ist ein guter erster Prompt.